Mehr über Tai Chi

Mehr über Tai Chi

Sicherlich Tai Chi wurde als Kampfkunst entwickelt, und als Familientradition in den Familien Chen, Yang, Wu und Sun sowie in den Wudangklöstern, die jeweils eine andere Stilrichtungen pflegten, weiterentwickelt und auch nur innerhalb der Familie weitergeben.
Wie und warum genau und von wem ist, schwer zu sagen. Hier gibt es im Internet unzählige und vor allem, unterschiedlichste Legenden, Geschichten, Mythen, Vermutungen, Anekdoten und Erzählungen, deren Wahrheitsgehalt schwer nachweißbar ist, da es vor vielen hunderten (oder tausenden ?) von Jahren entstanden ist.

 

Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle nur an die Fakten halten und an das, was für uns von Bedeutung ist.

 

Erst mit der Öffnung der Volksrepublik China entstand das »moderne« “Tai Chi”, dessen Formen heute weltweit gelehrt werden. Denn Auswanderer – darunter auch “Tai Chi ” Meister – haben damit begonnen, ihre Kampfkunst außerhalb von China zu verbreiten, dessen Charakter jedoch im Laufe der Jahre von Generation zu Generation verändert, unterschiedlich interpretiert und teilweise durch westlichen Einfluss verwässert wurde. So lehren Schulen in Deutschland nicht nur die verschiedenen Stile und Formen, wie z.B Chen, Yang, Wu, Sun, Wundang und Peking Form, sondern interpretieren Tai Chi Chuan dabei von der reinen Meditationskunst, Entspannungsmethode und Gesundheitsform bis hin zur Kampfkunst, aus der es entstanden ist.

 

Unser Zentrum lehrt heute die langsame Form des Yang Stil mit 103 Abfolgen (Bildern) nach Yang Zhenduo, welche als großer Rahmen bezeichnet wird. Yang Zhenduo (4. Generation) ist einer von 4 Söhnen von Yang Chengfu (3. Genration).

 

Yang Chengfu hat wohl maßgeblich dazu beigetragen, Tai Chi zu verbreiten, da er der
Erste war, der dies öffentlich unterrichtete, das heißt außerhalb der Familie.

 

In der Regel stützt sich der Aufbau eines “Tai Chi Chuan” Training auf 5 Säulen:

  1. Die “Tai Chi Chuan” Form  (Tàolù) – Waffenform
  2. Qi Gong / Gesundheitsübungen
  3. Pushing Hands (Tui Shou) Partnerübungen
  4. Dao Ying  (Taoistisches Yoga)
  5. Meditation

1. Die “Tai Chi Chuan” Form (Tàolù)

 

Im Zentrum des Übens stehen meistens eine oder mehrere Formen, welche aus mehreren Teilen besteht. Dies sind klar umschriebene Abläufe aufeinander folgender, meist fließend ineinander übergehender Bewegungen. Die Formen stellen dabei oft den Kampf gegen einen imaginären Gegner dar.

 

Überwiegend wird die Form synchron in der Gruppe geübt und auch im Unterricht führen Lehrer und Lernende die Form in der Regel gleichzeitig aus. Eine Form setzt sich aus mehreren “Bildern” (Einzelbewegungen) zusammen, die in ihrer Abfolge festgelegt sind. Die Bilder tragen sehr poetische Namen, beispielsweise “Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus” oder “Die Mähne des Wildpferdes teilen”.

 

Viele Formen werden nach der Anzahl ihrer Bilder benannt, so zum Beispiel die 24-Bilder-Form (“Pekingform”) oder die 37-Bilder-Form “Kurzform nach Zheng Manqing“.
Die längsten Formen haben über 100 Bilder (beispielsweise die “Yang-Stil Langform” nach Yang Chengfu mit 108 Bildern) – wobei es unterschiedlichste Zählweisen gibt. So kann es sich um die gleiche Form, also die 108 handeln, wenn jemand von einer 88er Form spricht.

 

Die Ausführung der Form kann von wenigen Minuten bis zu eineinhalb Stunden dauern, je nach Anzahl der Bilder und Geschwindigkeit der Ausführung. Obwohl Tai Chi Chuan Formen meistens langsam und ruhig ausgeführt werden, gibt es je nach Stil, Form und Erfahrung des Übenden große Unterschiede. Jede Bewegung der Form hat eine oder mehrere Bezüge zur Kampfkunst. Am deutlichsten erkennt man dies in den Waffenformen.

 

Die Bewegungen der Tai Chi Form werden nach den 10 Grundprinzipien ausgeführt. Je nach Meister können die Wortwahl oder die Reihenfolge differieren. Teilweise werden auch 13 Prinzipien publiziert. Vor allem lassen diese Prinzipien viel Raum für eigene Interpretation. Aber grundsätzlich meinen alle das Gleiche.

  1. Den Kopf gerade aufrichten
  2. Die Ruhe in der Bewegung
  3. Die Schultern, Ellbogen und Handgelenke senken
  4. Die Brust senken – Rücken gerade dehnen
  5. Das Kreuz und Taille locker entspannen
  6. Die Leere und Fülle unterscheiden
  7. Inneres und Äußeres verbinden
  8. Kraft des Geistes statt Körperkraft
  9. Unten und oben des Körpers koordinieren
  10. Bewegung ohne Anfang und Ende

(Aufzählung und Reihenfolge nach Yang Zhenduo)

Die 10 (13) Übungsprinzipien, die innerhalb der Form anfangs meist langsam trainiert werden, führen jeden Übenden nach und nach zu größerer körperlicher und psychischer Gesundheit und somit zu wesentlich größerem Wohlbefinden und besserer Belastbarkeit. Durch die aufrechte und gleichzeitig entspannte Körperhaltung im “Tai Chi Chuan” sowie die ruhige fließende Art, sich konzentriert zu bewegen, stärkt der Übende seine Gesamtkonstitution und verbessert sein körperliches und seelisches Gleichgewicht – und optimiert somit seine Stressbewältigungskompetenzen.

 

Die körperliche und geistige Wahrnehmung ist dabei voll auf die Form gerichtet, wobei auf körperlicher Ebene eine Verbesserung von Fitness, Flexibilität, Sensibilität, Koordination, Konzentrationsfähigkeit und Bewusstseinssteigerung die Folge ist. Auf psychischer Ebene werden Entspannung, Konzentration und innere Stabilität erreicht.

Waffenformen

 

Ergänzt wird das Tai Chi Chuan System durch Waffenformen.
Diese Waffenformen sind historisch aus Kriegskünsten und Selbstverteidigungstechniken hervorgegangen und werden in der Regel nur an fortgeschrittene Schüler vermittelt.

 

Die gebräuchlichsten Waffenformen sind:

 

Schwert (Jian), Säbel (Dao), Stock (Gun), Fächer (Shan), Speer (Qiang )

2. Qi-Gong / Gesundheitsübungen

 

“Qi Gong” auch “Chi Kung” genannt sind etwa 4000 Jahre alte meditative Atem-, Energie-, Kraft- und Wahrnehmungsübungen, die chinesische Heiler und Meditationslehrer bis in die heutige Zeit überliefert haben. Das “Qi Gong” ist neben der Akupunktur und Kräuterheilkunde ein Teil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM).

 

Für die alten Chinesen und die Daoisten ist das “Qi” die Lebensenergie, welche alles, was existiert und geschieht durchdringt und begleitet. Und nur dann, wenn diese Energie im Körper ungehindert fließen kann, gilt der Mensch als gesund.

 

Diese Lebensenergie ist in vielen Völkern dieser Erde bekannt. So wird sie zum Beispiel von den Indern als “Prana”, den Japanern als “Ki”, und von den Tibetern als “Lung” bezeichnet.

 

“Qi Gong” Übungen stärken die Lebensenergie, harmonisieren Körper, Geist und Seele und
sorgen für den freien Fluß von “Qi” durch die Meridiane.

3. Pushing Hands( Tui Shou ) Partnerübungen

 

Das Tui Shou (chinesisch tuī shǒu), schiebende Hände, englisch pushing hands, bei dem sich die Partner gegenüberstehen und einander an den Armen oder Händen berühren. In einer kontinuierlichen Bewegungsschleife übt einer der Übenden Druck auf die Arme des anderen Übenden aus, der versucht, dem Druck nachzugeben und zu neutralisieren, um anschließend selbst Druck auszuüben. In einer freieren Form des Tuishou ist das Ziel, den Gegner dazu zu zwingen, seinen Stand aufzugeben und gleichzeitig den eigenen Stand zu behalten. Im Tuishou lernt man, die durch das Üben der Form erarbeiteten Prinzipien auch im Kontakt mit einem Partner umzusetzen, es schult die Wahrnehmung und einen festen Stand.

 

Je nach “Tai Chi Chuan” Stil gibt es weitere Partnerübungen (z. B. Dalü), die aufeinander aufbauend von einfachen Grundlagen bis zu freieren Sequenzen das “Tai Chi Chuan” in Anwendung, Selbstverteidigung und Wettkampf trainieren.

4. Dao Ying (Taoistisches Yoga)

 

Dao Yin wird häufig auch als taoistisches Yoga bezeichnet. Ob es eine tatsächliche Beziehung zum indischen Yoga gibt, ist eher zweifelhaft.

 

Als Bestandteil des Tai Chi-Systems erfüllen Dao Yin-Übungen das sanfte Dehnen und Strecken von Muskeln und Sehnen sowie das Mobilisieren von Gelenken.
Natürlich wird auch dieser Übungsfokus kombiniert mit unterstützenden Atemtechniken und meditativen Aufmerksamkeitstrainings. So wird eine bewusste körperliche Geschmeidigkeit kultiviert, die den Tai Chi-Bewegungen nach und nach ihren eleganten, fließenden Ausdruck verleihen.

5. Meditation

 

Die taoistische Meditation zielt auf Ruhe, Konzentration, Wahrnehmung und Wille und stärkt so die psychische Vitalität. Die verschiedenen meditativen Übungen können im Stehen, Sitzen, Liegen, in Ruhe und auch in Bewegung (z.B. in der Tai Chi Chuan Form) ausgeführt werden. Dabei ist das Erlernen einer aufrechten Körperhaltung eine erste wesentliche Voraussetzung. Fortgeschrittene üben sie gar zu zweit innerhalb von Partnerübungen.

 

“Pushing Hands“, “Dao Ying” werden in unserem Zentrum nicht unterrichtet. Sollten Sie daran Interesse haben, empfehlen ich Ihnen das Tai Chi Zentrum Koblenz. Dort wird dies unterrichtet.

Fazit

 

“Tai Chi Chuan” ist ebenso wie “Qi Gong” auch fester Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Auch die (westliche) Schulmedizin hat “Tai Chi Chuan” als ganzheitliches Gesundheitstraining anerkannt. Zahlreiche Studien belegen die positive Auswirkung von Tai Chi Chuan” auf…

 

die Körperspannung
die Atemwege
das Körperbewusstsein
die Haltung
die Konzentration
die Schulung des Gleichgewichts (vermindert erheblich die Sturzgefahr)
den Schlaf
das Herz-Kreislauf-System
das Immunsystem
den Rücken und Muskeln
die Gelenke und Knochen

 

Dabei eignen sich die “Tai Chi Chuan” Übungen für alle Altersklassen und Fitnessgrade.
Als Trainingsempfehlung lässt sich festhalten, dass es natürlich besser ist einmal wöchentlich zu trainieren als gar nicht. Wer sich jedoch mit vollem Ernst dem Tai Chi Chuan zuwenden und alle positiven Auswirkungen ausschöpfen möchte, der sollte ein tägliches Training von ca. 15 bis 30 Minuten in seinen normalen Tagesablauf einplanen. Wie bereits erwähnt, eignet sich das Training für alle Altersklassen und Fitnessgrade – nur sehr ungeduldige Menschen werden sich schwer tun, diesen Weg zu beschreiten. Die positiven Auswirkungen auf die Gesundheit haben auch die Krankenkassen mittlerweile erkannt und fördern daher “Tai Chi Chuan” Kurse durch finanzielle Anreize.

»Wer täglich “Tai Chi Chuan” übt,
wird geschmeidig wie ein Kind,
stark wie ein Holzfäller und
gelassen wie ein Weiser«
(chinesische Weisheit)

Sie möchten mehr erfahren? Dann freuen wir uns sehr von Ihnen zu hören…